1. Über schnelle Räder und irritierte Augen

  2. Den täglichen Weg von der Gotzkowskystrasse zu meinem Atelier lege ich, so wie fast alle Strecken in Berlin,
    in effizienter Weise mit meinem Fahrrad zurück. Ein zuverlässiges, grau grünes 28er Cannondale mit neongelben
    Magura Hydraulikbremsen und einer straffen Übersetzung. Unzählige Gebäude, von riesigen Altbauten bis zu
    futuristisch anmutenden Gebäudekomplexen wie am Potsdamer Platz aber auch Bäume in Parks, Straßenschilder,
    Autos und Gebilde auf öffentlichen Plätzen rasen während der Fahrt an meinem Auge vorbei. Einige Motive oder
    Objekte scheinen eine genauere Betrachtung wert zu sein, doch muss ich meinen Blick bei dem Tempo im Groß-
    stadtverkehr nach vorne richten und mich konzentrieren, damit nichts passiert.
    Die Geschwindigkeit sowie die Ablenkung sorgt dafür, dass nur noch eine vage Ahnung von dem bleibt was mich
    umgibt. Mein urbanes Umfeld verschwimmt. Banale Objekte, Häuser und Straßen werden durch die kürze ihrer
    Betrachtung zu rätselhaften Dingen entlang meines Weges. Und Rätsel liebe ich, sie spornen mich an, die Dinge
    genauer zu untersuchen.
    Das rasante Tempo meines medial geprägten Alltags beobachte ich allerdings in vielen Bereichen. Egal ob ich nun
    mit meinem Rad fahre, in der U9 sitze oder mit meinem VW Passat kutschiere, in der Berliner Zitty blätter oder
    durchs Netz surfe, stets beobachte ich Momente in denen sich Bildphänomene auf überraschende Art und Weise
    verändern, ineinander über gehen und sich miteinander vermischen. Diese Bildphänomene, die nicht den bekannten
    Denkmustern und Sehgewohnheiten entsprechen, begeistern mich und bilden das Fundament meiner Arbeit.
    Meine von Architektur und Design bestimmte Umwelt ist durch und durch von Louis Henri Sullivans Gestaltungs-
    grundsatz: „form follws funktion“ geprägt. Die Form, sprich die Gestaltung von Dingen soll sich dabei aus ihrer
    Funktion, ihrem Nutzungszweck ableiten. Die Funktion und der praktische nutzen stehen an erster Stelle.
    Im Umkehrschluss lässt sich aber auch aus jeder Form eine Funktion ableiten. Meine Arbeiten entstehen nicht um
    eine Funktion zu erfüllen. Folglich ist es die Form, zumeist architektonisches Formvokabular und Alltagsdesign, bei
    dem ich ansetze um meine Bildwelten zu entwickeln. Auf diese Weise werden meine Arbeiten zu Hybriden die sich
    zwischen gegenständlichen und abstrakten Momenten hindurch manövrieren. Ihr Ursprung bleibt unklar, ihre Lesart
    auch. Ich suche nach flüchtigen Situationen, wie wenn man gerade den Auslöser an einer Kamera betätigen möch-
    te und eine Person oder ein Auto den Bildausschnitt durchkreuzt und das gewünschte Foto verändert. Das Bild von
    dem Augenblick der festgehalten werden sollte ist für immer verloren doch statt dessen ergab sich ein neues, uner-
    wartetes. Ein Teil der gewünschten Informationen wird durch eine Veränderung in der Perspektive versteckt, etwas
    anderes drängt sich ins Bild. Einen ähnlich ungewohnten Blick setzte Alfred Hitchcock bei seinem berühmten
    Vertigo Effekt ein. Der Zoom einer Kamera wird dabei während einer langsamen Fahrt verändert, so dass die
    gefilmte Person im Bild gleich groß bleibt während sich die Fluchtlinien verändern. Es entsteht eine Art Schwebe-
    effekt da für unser Gehirn die gewohnten Anhaltspunkte wie Raumfluchten nicht mehr greifen im das Bild zu ver-
    stehen. Diesem Phänomen ist mein gleichnamiges Bild „Vertigo“ angelehnt in dem Perspektiven eröffnet werden die
    nicht logisch vollendet werden. Wir sind hilflos gegenüber dem Bild.